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Durchgangszeiten
20 km: 01:40:18
50 km: 04:22:44
80 km: 07:37:41
90 km: 08:51:17
Fasziniert von Läuferckracks wie Achim Heukemes und bestärkt durch den Bericht von Ninas 100er in Leipzig beschloss ich letztes Jahr einen Ultralauf als Saisonhighlight 2010 zu reißen. Ultra - das wärs! Live Ultra strong! Immer mal wieder eins draufsetzen nach 3 Marathons, dem AlpenBrevet, dem Powerman… man wird ja nicht jünger! Im Januar habe ich Berichte von Teilnehmern des Ulmer Nachtlaufes von 2009 gelesen und mich noch am gleichen Abend angemeldet.
Man kann in Ulm Radbegleiter mieten oder selbst mitbringen. Da 100 km in Schrittgeschwindigkeit auf dem Rad auch kein Pappenstiel sind, habe ich mich für zwei Begleiter entschieden: die erste Hälfte meine Frau Kerstin und die zweite Hälfte mein Freund Gert.
0 9 km
Start ist um 23:00 nach einem Feuerwerk und einem Ballonglühen im Stadion in Blaustein. Hier wird nach 100 km auch das Ziel sein. Ich stehe sehr weit vorn und entkomme schnell dem Gedränge. Hier rennt keiner los als gäbe es kein Morgen wie man es von den Duathlons kennt. Es sind ja immerhin 100 km in sehr hügeligem Gelände zurückzulegen.
Die ersten km laufe ich allein, die Radbegleiter warten bei km 11. Die Wege und Abbiegungen sind gut markiert, aber es ist stockfinster und ich bin froh, dass sich das Feld noch nicht all zu weit auseinander gezogen hat.
Überhaupt ist alles vorbildlich organisiert. Auf der Webseite kann man sogar das Rennen live verfolgen. Die aktuelle Position des gewählten Läufers wird auf einer Karte mit allen Zwischenzeiten
angezeigt.
Geplant und trainiert habe ich auf eine Zeit von unter 11 Std. und wollte mit einem Pace zwischen 5:30 und 5:40 beginnen. Geträumt habe ich von einer Zeit unter 10 Std. aber für alles über 50 km fehlen mir die Erfahrungswerte.
Aber es läuft gut, der Puls stimmt und ich laufe ganz locker zwischen 4:50 und 5:10.
10 19 km
Nach 10 km ist der höchste Punkt der Strecke erreicht, die Steigung war aber nicht schwer. Dann erreiche ich die Radler: dicht gedrängt stehen die hier und ich habe Angst, Kerstin zu verpassen. Sie steht im letzten Drittel, erkennt mich aber sofort am Teamgrün und Laufstil und ruft mich. Dann ist sie schon neben mir. Sie ist überrascht, mich schon zu sehen, denn nur ca. 15 Läufer haben bisher den Radlerpulk passiert. Es geht durch Wälder und über Feldwege. Um uns herum sind viele Staffelläufer, zu erkennen an den andersfarbigen Startnummern - nur nicht aus der Ruhe bringen lassen, vor allem wenn die frisch Gestarteten so locker an einem vorbei federn. Es ist eine wunderschöne laue Sommernacht, denn heute ist schon der heißeste Tag des Jahres und morgen soll es noch heißer werden, über 30°C.
Ein Radbegleiter ist schon eine sehr angenehme Sache, erst mal die Motivation und die Sicherheit, dass man nicht allein ist, schließlich werden hier keine Runden gelaufen, sondern es geht über eine große Schleife um Ulm herum, und es ist besonders ab km 60 alles andere als flach.
20 49 km
Doch jetzt geht es erst mal bergab und so bin ich schon nach 01:40 bei km 20. Noch fühle ich mich frisch und locker. Nach knapp über 03:30 erreiche ich die Marathonmarke. Nun ist es Zeit Gert zu wecken, dass er sich auf die Socken zum 50 km Rad-Wechsel macht. Das Feld ist jetzt so weit auseinandergezogen, dass man oft keinen Läufer vor oder hinter sich sieht. Vielleicht liegt es an den Endorphinen, vielleicht an was anderem, jedenfalls fühle ich mich auf einmal völlig seltsam. Die Welt vor uns besteht aus zwei kreisrunden hellen Lichtpunkten, ansonsten völlige Finsternis. Ich könnte Lachen und Weinen gleichzeitig, eine unbestimmtes grundloses Gefühl kommt auf. So habe ich mich früher in Berlin zu meinen Technozeiten nach 24 Std. gefühlt. Völlig drüber.
50 69 km
Nach 04:22 laufe ich über die 50 km-Matte im Stadion. Ich bedanke mich kurz davor bei Kerstin, sie hat einen super Job gemacht. Gert und Kerstin tauschen sich noch kurz aus, dann fährt Kerstin zurück nach Blaustein und Gert kommt zu mir. Es geht an der Donau entlang. Oft bin ich schon hier mit Gert gelaufen. Es ist eine wunderschöne Strecke, nur leider etwas zu eng auf den Wegen. Er muss oft vor oder hinter mir fahren, wenn die Staffelläufer kommen. Aber die sind irgendwann auch vorbei. Kurz vor Oberelchingen betrete ich Neuland: Noch nie bin ich länger am Stück gelaufen. Die Fußknochen taten mir schon vor km 50 weh. Und jetzt kommt das steilste Stück, auch "die Wand" genannt. Der Anstieg hat Abschnitte mit 26%. Aber gleich danach kommt hinter einem Friedhof eine Verpflegungsstation. Jetzt immer schön mit Salz und Magnesium versorgen. Riegel bekomme ich nicht runter. Ich zwinge mich alle Std. ein Gel zu nehmen. 65 km sind geschafft und die Dämmerung setzt ein. Und es geht immer weiter bergauf.
70 79 km
Nach 70 km sind wir endlich oben an der A8. Unten an der Donau waren die Temperaturen perfekt, aber hier oben hat sich die Hitze vom Vortag noch gehalten. Und die Sonne geht gerade erst auf. Der Weg durch das Wäldchen ist noch angenehm, aber die Strecke an der Autobahn ist langweilig. Ich bin irgendwie durch. Meine Hüfte tut weh und die km schleppen sich endlos dahin. Wenn es jetzt bergab geht, ist das auch keine Erholung mehr, sondern Gift für die Oberschenkel. Noch 27 km! Unvorstellbar! Sonst war das eine Trainingseinheit, die ich locker weggesteckt habe. Gerts Motivationssprüche schlagen auch nicht mehr an. An einer Verpflegungsstelle halte ich zum ersten Mal an. Ich erfahre, dass noch nicht viele 100er Läufer vorbeigekommen sind. Unter den ersten 10 sei ich zwar nicht, aber noch unter den ersten 20. Na das ist doch mal eine Ansage…
80 89 km
Aber es hilft nichts, die Strecke ist jetzt die Hölle! Bergab geht es nur noch mit einem 7er Pace. Ich bin nur noch Schmerz. Irgendwie schaffe ich es, den auszublenden und bin dann bei km 80 und 07:37:41 an der Wilhelmsburg. Dort ist auch ein Staffelwechsel und ein richtiges Stimmungsnest. Das beflügelt, hält aber nur kurz an. Und es sind immer noch 20 km! und wieder geht es bergauf. Jetzt meldet sich links das Kreuzband. Damit hatte ich seit Jahren keine Probleme. Bei jedem, der an mir vorbeizieht beruhigt mich Gert, dass es nur Staffelläufer seien. Und es geht hoch und runter. Ich bin völlig leer und die Sonne knallt erbarmungslos runter. Dabei ist es noch nicht einmal 8:00 Uhr früh. Nach der sogenannten "Mördersenke", die den Namen zu recht trägt, geht es über einen staubigen, unebenen Truppenübungsplatz. Pures Gift für die Fußgelenke! Ich leide, aber gehen kommt nicht in Frage. Die km zwischen 80 und 90 sind die bislang schwersten. Da jenseits der 80 km jegliche Motivation an mir abprallt, beginnt Gert einfach laut zu rechnen (im Nachhinein ein super Trick!), wenn ich nicht noch langsamer werde, kann ich vielleicht die 10 Std. knacken. Ich will zunächst nichts davon hören, ich will ankommen irgendwie.
90 100 km
90 km-Marke: Plötzlich kommt von hinten ein schnaufender Senior hörbar näher, es reicht mir!!! Ich will nicht mehr überholt werden, nicht länger "rumtrödeln", wieder angreifen! Zusätzlich motiviert durch die Chancen unter 10 Std. zu kommen, erhöhe ich das Tempo und setze mich ab. Außerdem hören die Schmerzen schneller auf, wenn ich mich beeile. Ich erhöhe meinen Pace weiter auf erstaunliche 5:30, später sogar auf unter 5:00. Alles nur noch Kopfsache!
Die letzten Kilometer geht es nur noch bergab, teilweise sehr steil und über gemähte Wiesen und Schotterwege. Ich bin mir jetzt ganz sicher, dass ich unter 10 Std. komme. Ich versuche jetzt, Plätze gut zu machen. Fünf 100km-Einzelläufer hatten mich zuletzt überholt, die kassiere ich jetzt ein. Die Schmerzen nehmen zwar zu, aber es ist ein geiles Gefühl. Gert informiert Kerstin per Handy, dass ich auf dem letzten km bin. Ich komme mir extrem schnell vor was ich im Vergleich mit den anderen sicherlich auch bin, aber meine Mädels Alva und Aino können auf der Stadionrunde locker mithalten und laufen die letzten 300 m mit mir ins Ziel.
09:49:12, Platz 19 und Platz 5 in meiner AK. Waaaahnsinn!!! Ich hab' es geschafft! Danke an Gert und Kerstin für die Begleitung und Unterstützung auf den langen Kilometern. Danke an Cordula für die Trainingspläne und das alles drum herum. Ich war an diesen Tag auf den Punkt fit.
…und bin sehr zufrieden mit meiner Leistung.
Nachtrag
Der Weg zum Auto und zur WM-Couch ist ohne Worte. Die Beine spielen verrückt, humpeln ist untertrieben. Fußball (Deutschland-Argentinien) - sonst nicht so mein Ding- hab ich mir von vorn bis hinten angeschaut, dann den Tour-Prolog, bloß nicht aufstehen, vielleicht zum Klo nur unter Schmerzen. Mein Finisher-Trikot hat Kerstin dann noch organisiert. Dann ab ins Bett und den Schlafmangel ausgleichen.
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